Die Geschichte vom LampedusaZelt

Am 26. März wurde das LampedusaZelt am Steindamm auf Anweisung der
Innenbehörde abgerissen.
Vorausgegangen waren tägliche Verhandlungen mit anwältlicher Begleitung. Corona war in Hamburg angekommen und es gab eine Allgemeinverfügung: max. zwei Personen durften sich im öffentlichen Raum gemeinsam aufhalten.
Diese wurden namentlich festgelegt, je zwei Menschen für die Tagschicht, je zwei für die Nachtschicht, und sie waren bei der Innenbehörde mit Telefonnummern hinterlegt.
Dann hieß es, durch die Existenz des Zeltes würden sich zu viele Menschen in der direkten Umgebung aufhalten. Dem wurde begegnet, indem immer wieder laute Ansagen gemacht wurden und Leute gebeten wurden, den Sicherheitsabstand zu respektieren.

Das Zelt ist außer dem Signal für Anwesenheit von ‚undocumented People‘ in Hamburg, der LampedusaGruppe, auch ein Ort, um Existenzen zu sichern: Informationsaustausch über Arbeitsmöglichkeiten, Nahrungs- oder Kleiderspenden, Schlafplätze … Was Menschen brauchen, die keine gültigen Papiere in Deutschland vorweisen können und daher keine Arbeit, keine Wohnung und keine Geld haben. Diese Notwendigkeit fiel ja nicht weg wegen Corona. Diese Menschen konnten nicht nach Hause gehen. Es gab keins, das Zelt war das Zuhause.

Und dann wurde trotz aller Übereinkünfte geräumt. Ohne eine alternative Räumlichkeit anzubieten. Der Ort, der seit 7 Jahren hart umkämpft wurde, war weg. Zu dem Schock über die Corona Situation kam der Schock, dass plötzlich für ca. 80 Menschen aus dem Stand Unterkunft, Nahrung, Kleidung und Geld organisiert werden musste.
Das Kunststück ist gelungen. – Dafür hat ein kleiner Haufen Heldinnen rund um die Uhr gerödelt. Auch wir haben seit dem 5 Gäste aus Ghana bei uns.

So begann die Story
Aber so sollte sie nicht bleiben – das Zelt muss zurück!
Also habe ich mich mit einer Freundin an einem Nachmittag auf den LampedusaPlatz gestellt. Wir hatte jede ein Schild aus Pappe dabei, auf dem wir die Evakuierung des Lagers in Moria und aller anderen Lager gefordert haben, damit auch diese Menschen, die grade schon einmal eine lebensgefährliche Reise hinter sich gebracht hatten, sich und alle vor Corona schützen können.
Und wir haben gefordert, dass alle Menschen nach Hause und zum Arzt gehen können. Das die leerstehenden Hotels und Hostels für Wohnungslose und Asylsuchende geöffnet werden. Dass es einen anonymen Krankenschein gibt. Nach dem Vorbild von Portugal, dem Vorbild von London, Düsseldorf und Frankfurt.

Mit Kreide haben wir die Umrisse des Zelts nachgemalt und unsere
Forderungen hineingeschrieben. Es kamen Polizeibeamte vorbei. Sie haben uns aufgefordert zu gehen. Wir wären eine ungenehmigte Versammlung. Unsere Entgegnung, dass wir zwei
Frauen mit Schilden, keine Versammlung seinen, wollten sie nicht folgen. Wir sollten unsere Personalien angeben und bekamen Strafanzeigen wegen Verstoß gegen die Allgemeinverfügung.

Wir wollten weiterhin unsere Solidarität zu zeigen und die Stadt darauf hinweisen, dass wir hier ein gewaltiges Problem sehen: dass zusätzlich zur Lager- und Gefängnisproblematik 20.000 Menschen in Hamburgs Straßen leben, die nun hochgefährdet und dem Hunger ausgesetzt (alle Tafeln hatten geschlossen) sind und 72.000 Betten leer stehen. Und haben uns deshalb weiterhin einzeln oder zu zweit auf und um den LampedusaPlatz mit Schildern hingestellt.

Wir wurden täglich geräumt oder gleich daran gehindert, den Platz zu betreten und mit Strafbefehlen überzogen. Wir haben auch versucht eine Coronagerechte Versammlung anzumelden, auch gerichtlich durchzubringen – keine Chance.
Die Polizei fand auch, dass eine einzelne Person mit einem Pappschild in der Hand eine Versammlung sei, weil sich andere Menschen dazugesellen könnten und dann wäre es ein Versammlung.

Also, einkaufen im Baumarkt: Ja.
Auf gefährdete Menschen und Menschengruppen aufmerksam machen: Nein

Dann kam das Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Seitdem stehen wir mit 15 Menschen, MundNasenMasken und mit Abstand montags bis freitags von 17-18 Uhr auf dem LampedusaPlatz.
Wir nutzen den Raum um, stellvertretend für das Zelt, dort zu sein, zu signalisieren, dass wir gleiches Recht für alle Menschen auf der Erde wollen. Wir nutzen den Raum aber auch, um eine Stunde am Tag dafür zu sorgen, dass es weniger rassistische Kontrollen gibt. Damit sich Menschen dort treffen und Informationen austauschen können, ohne gleich Gefahr zu laufen in Gewahrsam genommen zu werden. Wir nutzen den Raum auch, um uns gegenseitig kennen zu lernen, Brücken zu schlagen, uns zu vernetzen. Und wir nutzen den Raum, um immer wieder zu sagen, dass Menschen in Gefahr sind. Dass wir uns nicht auf Kosten andere Menschen, Nationen und Kulturen bereichern wollen. Um hinterher auch noch eine ausschließende und tödliche Politik im Land und an den ‚EU Außengrenzen‘ zu betreiben.
– Wir wollen leben können, ohne für Leid, Ausbeutung, Zerstörung von Milliarden von Menschen und deren Existenzgrundlagen verantwortlich sein zu müssen.

Wir wollen Menschenrechte, gutes Leben und Zukunft für ALLE auf der Erde!